Warum die Zukunft der Energieversorgung in Europa von einem neuen Ansatz für das Stromnetz abhängt
Jahrelang wurde die Energiewende in Europa in erster Linie als Klimafrage betrachtet. Im Mittelpunkt standen die Reduzierung von Emissionen, der Ausbau erneuerbarer Energien und die beschleunigte Abkehr von fossilen Brennstoffen. Diese Prioritäten sind nach wie vor von entscheidender Bedeutung, doch die jüngsten geopolitischen und wirtschaftlichen Ereignisse haben die Debatte grundlegend verändert. Hier erläutert Henrik Stiesdal, eine führende Persönlichkeit im Bereich Windenergie und Hauptredner auf der CWIEME Berlin 2026, warum die Energiesicherheit mittlerweile ein weitaus dringlicheres Thema ist.
Der Krieg in der Ukraine hat die Risiken der europäischen Abhängigkeit von importiertem Öl und Gas offenbart. In jüngerer Zeit hat die zunehmende Instabilität der globalen Handelsbeziehungen die Anfälligkeit, die mit der Abhängigkeit von externen Energiequellen einhergeht, noch deutlicher gemacht.
Die Herausforderung, vor der Europa nun steht, ist klar: Wie bauen wir ein Energiesystem auf, das nicht nur sauber, sondern auch widerstandsfähig, bezahlbar und unabhängig ist?
Glücklicherweise stehen diese Ziele nicht mehr im Widerspruch zueinander. Erneuerbare Energien bieten Europa die Möglichkeit, die Energiesicherheit zu stärken und gleichzeitig die Kosten zu senken sowie die Dekarbonisierung zu beschleunigen. Wind- und Solarenergie gehören mittlerweile zu den kostengünstigsten Formen der Stromerzeugung und verringern zudem die Abhängigkeit von importierten Brennstoffen.
Doch während Europa bei der Erzeugung erneuerbarer Energien enorme Fortschritte erzielt hat, stellt sich nun eine schwierigere Frage: Können unsere Stromnetze das Ausmaß und die Schwankungen der derzeitigen Energiewende tatsächlich bewältigen?
Eine neue Herausforderung
Die europäischen Energienetze wurden nach einem relativ vorhersehbaren Modell aufgebaut. Große, zentralisierte Kraftwerke erzeugten kontinuierlich Strom, während die Verbraucher den Strom nach Bedarf bezogen. Das System war darauf ausgelegt, den Bedarf jederzeit zu decken, wobei die Erzeugung entsprechend angepasst wurde. Erneuerbare Energien ändern dies jedoch grundlegend.
Die Solarstromerzeugung steigt und sinkt mit dem Tageslicht. Die Windstromerzeugung schwankt je nach Wetterbedingungen. Gleichzeitig bleiben die Stromnachfragemuster relativ konstant. Die Folge ist ein wachsendes Ungleichgewicht zwischen der Art und Weise, wie Strom erzeugt wird, und der Art und Weise, wie er verbraucht wird.
Dieses Ungleichgewicht setzt die Übertragungs- und Verteilungsnetze in ganz Europa bereits stark unter Druck. Entwickler erneuerbarer Energien, Rechenzentren, Projekte zur Elektrifizierung der Industrie und Betreiber von Batteriespeichern konkurrieren in beispiellosem Ausmaß um den Netzzugang.
Dänemark bietet ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie dies in der Praxis aussieht. Der Spitzenstrombedarf des Landes liegt bei etwa sieben Gigawatt, doch die Anträge auf Netzanschluss übersteigen mittlerweile 60 Gigawatt. Im März 2025 war dieser Wert so stark angestiegen, dass Energinet, der dänische Übertragungsnetzbetreiber, alle neuen Netzanschlussvereinbarungen für drei Monate aussetzte, während er eine Prioritätenliste für die Warteschlange erarbeitete. Dänemark ist nur ein Beispiel, doch das zugrunde liegende Problem tritt europaweit immer häufiger auf: Stromnachfrage und -erzeugung wachsen weitaus schneller, als die Netzinfrastruktur ausgebaut werden kann.
Mehr Infrastruktur reicht nicht aus
Die instinktive Reaktion besteht darin, mehr Infrastruktur zu bauen: mehr Kabel, mehr Umspannwerke, mehr Übertragungsleitungen. Ein gewisser Ausbau ist zweifellos notwendig. Sich jedoch ausschließlich auf den Ausbau des Netzes zu verlassen, birgt die Gefahr, ein enorm teures und ineffizientes System zu schaffen.
Eine intelligentere Lösung besteht darin, die vorhandene Infrastruktur effektiver zu nutzen. Eines der wichtigsten Konzepte in modernen Energiesystemen ist der Kapazitätsfaktor, d. h. wie gut das Netz im Laufe der Zeit ausgelastet ist. Eine an eine Solaranlage angeschlossene Übertragungsleitung wird möglicherweise nur während eines begrenzten Teils des Tages nahezu voll ausgelastet. Die Infrastruktur ist vorhanden, doch ein Großteil ihres Potenzials bleibt ungenutzt.
Durch die Kombination von erneuerbarer Energieerzeugung mit Speichern und flexibler Nachfrage lässt sich diese Auslastung drastisch steigern. Eine mit Batterien gekoppelte Solaranlage kann beispielsweise noch lange nach den Stunden mit höchster Sonneneinstrahlung Strom liefern, wodurch die Nachfrage im Netz geglättet und der Bedarf an zusätzlichen Infrastrukturinvestitionen verringert wird.
Ein flexibleres Energiesystem
Das Energiesystem der Zukunft kann sich nicht allein darauf verlassen, dass sich die Erzeuger an den Bedarf anpassen. Auch die Verbraucher müssen aktiv zum Ausgleich des Netzes beitragen. Das muss nicht unbedingt mit Umstellungen oder Unannehmlichkeiten verbunden sein.
In vielen Fällen lässt sich Flexibilität nahezu unbemerkt durch Automatisierung, Preisstrukturen und ein intelligenteres Energiemanagement einführen.
Versteckte Kapazität
In ganz Europa werden nach und nach Millionen von Batterien von Elektrofahrzeugen (EV) an das Stromnetz angeschlossen. Einzeln betrachtet sind sie kleine Anlagen. Zusammengenommen stellen sie jedoch eine enorme Quelle flexibler Speicherkapazität dar.
Auch hier verdeutlicht Dänemark das Ausmaß dieser Chance. In dem Land sind bereits mehr als eine Million Elektrofahrzeuge unterwegs. Über standardmäßige 11-kW-Ladegeräte angeschlossen, stellen diese Fahrzeuge zusammen mehr steuerbare Leistung dar als der gesamte Spitzenstrombedarf des Landes.
Das Bemerkenswerte daran ist nicht, dass diese Technologie existiert. Es ist vielmehr, dass die meisten Energiesysteme immer noch so funktionieren, als gäbe es sie nicht.
Das gleiche Prinzip gilt für Industrie und Infrastruktur. Kühlhäuser können den Einsatz ihrer Kompressoren vorübergehend reduzieren, ohne dass die gelagerten Waren darunter leiden. Industrieanlagen können bestimmte Prozesse auf Zeiten mit geringerem Bedarf verlagern. Rechenzentren können sich an einem flexiblen Lastausgleich beteiligen. Ganze Industriecluster können ihren Verbrauch intern koordinieren und den Netzbetreibern ein stabileres Nachfrageprofil präsentieren.
Es geht nicht nur darum, mehr Strom aus erneuerbaren Energien zu erzeugen, sondern zu lernen, den Verbrauch intelligenter auf die Zeiten abzustimmen, in denen erneuerbare Energien verfügbar sind.
Ein kultureller Wandel
Ein Großteil der dafür erforderlichen Technologie ist bereits vorhanden. Die Batteriekosten sind in den letzten zehn Jahren drastisch gesunken, was die Wirtschaftlichkeit der Speicherung grundlegend verändert hat. Auch intelligente Ladesysteme, digitale Steuerungen und Netzmanagement-Software entwickeln sich weiter. Das größere Hindernis ist oft die Denkweise.
Seit Jahrzehnten geht die Stromwirtschaft davon aus, dass Verbraucher jederzeit Zugang zu unbegrenztem Strom haben sollten, während die Erzeuger die Verantwortung für die Deckung des Bedarfs tragen. Diese Logik war in einem auf fossilen Brennstoffen basierenden System sinnvoll, das auf einer regelbaren Stromerzeugung aufbaute. Ein System auf Basis erneuerbarer Energien erfordert jedoch ein dynamischeres Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage.
Dies schafft Chancen nicht nur für technische Innovationen, sondern auch für Innovationen bei Geschäftsmodellen, Marktstrukturen und der Regulierung. Netztarife könnten Flexibilität belohnen, anstatt lediglich eine Zugangsgebühr zu erheben. Verbraucher, die bereit sind, ihr Verbrauchsverhalten anzupassen, könnten finanziell davon profitieren.
Betreiber von Batteriespeichern könnten gezielt Anreize erhalten, Schwankungen bei der Versorgung aus erneuerbaren Energien auszugleichen. Erzeuger erneuerbarer Energien könnten durch Speicherpartnerschaften und Hybridsysteme selbst zu aktiven Akteuren bei der Stabilisierung des Netzes werden. Mit anderen Worten: Beim Netz der Zukunft geht es nicht nur um Hardware, sondern um Koordination.
Deshalb wird die nächste Phase der europäischen Energiewende ebenso sehr vom Systemdenken abhängen wie von der Erzeugungskapazität selbst. Die Technologien, die für ein widerstandsfähiges, bezahlbares und dekarbonisiertes Energiesystem benötigt werden, existieren bereits. Die Herausforderung besteht darin, sie intelligent zu integrieren.
Diese Herausforderungen und die Innovationen, die zu ihrer Lösung entstehen, waren zentrale Themen auf der CWIEME Berlin 2026 und werden auch im Mittelpunkt des „Grid Delivery Summit“ stehen, einer neuen Veranstaltung, die 2027 parallel zur CWIEME Berlin stattfinden wird.
Denn letztendlich hängt der Erfolg der Energiewende nicht nur davon ab, wie viel Strom aus erneuerbaren Energien Europa erzeugen kann, sondern auch davon, wie intelligent die Branche zusammenarbeitet, um diesen Strom zu integrieren, zu steuern und zu nutzen.
Autor
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Prof. Henrik Stiesdal
Pionier der Windenergie



















